re:publica 2026 / Session

Zwischen Antrag und Alltag: Wenn der Sozialstaat zur Zumutung wird

May 18, 2026 • 18:00 – 18:30
Open on conference website
Scheduled
Stage: Atrium 2
Format: (Kurz-) Vortrag (Politik & Gesellschaft)
Language: de

Description

1,2 Millionen Haushalte in Deutschland beziehen Wohngeld. Mindestens genauso viele könnten es – tun es aber nicht. Warum? Weil der Antragsprozess eine Zumutung ist: unverständliche Formulare, monatelange Wartezeiten, endlose Nachweispflichten.

Aber diese Menschen haben in der Digitalisierungsdebatte keine Lobby. Wenn über "Verwaltungsmodernisierung" gesprochen wird, geht es um OZG-Quoten und Fachverfahren – nicht um Walter (71), der an PDF-Formularen scheitert oder Wiebke (39), die als Alleinerziehende zwischen drei Ämtern hin- und hergeschickt wird.

Was dieser Talk leistet:

Wir machen den Wohngeldprozess anfassbar – durch vier realtypische Personas:

  • Walter: Rentner, offline, überfordert von Amtsdeutsch
  • Wiebke: Alleinerziehend, routiniert im Antragsstellen – aber erschöpft vom "Bürokratie-Pingpong"
  • Wanda: Studentin, digital affin, verzweifelt an Medienbrüchen
  • Wasim: Erwerbstätig im Niedriglohnsektor, Sprachbarrieren

Ihre Geschichten zeigen: Das Problem ist nicht "fehlende Digitalisierung" – sondern dass Verwaltung nicht vom Menschen her gedacht wird.

Der politische Diskurs:

Gerade jetzt, wo erste Kommunen KI im Wohngeldprozess einsetzen, müssen wir fragen: Für wen wird digitalisiert? Für die Effizienz der Verwaltung – oder für die Menschen, die Hilfe brauchen? Wer profitiert von KI? Die junge, digital affine Wanda – oder auch der 71-jährige Walter? Was macht Automatisierung mit Würde? Wenn ein Algorithmus über Existenzen entscheidet – wer kontrolliert ihn? Das ist mitunter keine technische Frage. Das ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit.

Was wir zeigen:

  • Lebensrealitäten sichtbar machen: Wie sich Bürokratie anfühlt, wenn man sie nicht "mal eben" bewältigen kann.
  • Erste KI-Pilotprojekte einordnen: Was funktioniert – und wo entstehen neue Ausschlüsse?
  • Bleiben Sie im Anschluss gerne für ein Meetup mit dem Projektleiter Dr. Florian Theißing auf Seiten der Agora Digitale Transformation; https://agoradigital.de/projekte/sozialleistungen-als-blaupause/

Warum das wichtig ist:

In Debatten über Digitalisierung, KI und Verwaltung fehlen die Stimmen derer, die am stärksten betroffen sind. Rentner:innen, Alleinerziehende, Menschen mit Sprachbarrieren – sie sitzen nicht in Beiräten, sie posten nicht auf LinkedIn, sie kommen nicht zu Konferenzen. Dieser Talk gibt ihnen eine Bühne. Und er zeigt: Technologie kann den Sozialstaat menschlicher machen – aber nur, wenn wir sie für Menschen gestalten, nicht für Prozesse.

Speakers (2 speakers)

J

Jana Plomin

Researcher & Consultant, Ingenieurpsychologin

S

Stefanie Hecht

Leiterin Open User Lab / Senior Researcher